Dienstag, 2. Dezember 2014

Chronik des Wahnsinns Teil 3

2009 war ein übles Jahr für mich. Persönlich stufe ich es als das zweitschlimmste Jahr nach 1992 ein, eine solide Silbermedaille. Aber 92 ist eine andere Geschichte.
Das Frühjahr von 09 war enttäuschend, der Sommer katastrophal, der Herbst deprimierend, der Winter ganz und gar unmöglich; bis zu dem Punkt, an dem eine grundlegende Veränderung unausweichlich war. Ab 2010 wurde es dann langsam besser.

In diesem verheerenden Sommer kam mir zum ersten Mal die erste Idee zu Rana. Es war nicht mehr als ein Bild, ein einziges Bild von einer jungen Frau mit schwarzen Locken, gebeutelt von der Hitze und dem Stillstand in ihrem Leben. Meine damaligen Umstände haben mit Sicherheit wesentlich dazu beigetragen. Das war alles. Sehr wenig. 

Diese Idee war absolut roh, Lichtjahre entfernt von der Geschichte, die daraus geworden ist. Ohne die leiseste Ahnung von der Arbeit, die damit verbunden sein würde. Ich tat auch nichts weiter; ich hatte Wichtigeres zu tun. Ich legte die Idee in eine Schublade in meinem Hirn, schloss dreimal ab, und hängte mir den Schlüssel um den Hals. Ich hatte die Vorahnung, dass mir etwas (für mich) Bedeutendes eingefallen war, aber das musste warten.

2010 und 2011 verbrachte ich damit, mich neu zu sortieren. Darin enthalten waren ein halbherziges Studium, und ein Umzug über 500 km Luftlinie nach Leipzig. Der war allerdings wichtig; neue Impulse sind immer gut. Man sollte zugreifen, wenn man welche bekommen kann. 

In schriftstellerischer Hinsicht waren diese Jahre geprägt von Neid. Ich möchte an dieser Stelle einmal richtig ehrlich sein und eine Lanze für den Neid brechen. An sich ist Neid eine miese Empfindung, verachtenswert, der Gipfel der Kleingeistigkeit. Aber er ist effektiv, eine treibende Kraft. Wenn man aus keinem anderen Grund seinen Hintern hochbekommt, kann man sich am Ende auf den Neid verlassen. 
Ich war neidisch bis zur Tobsucht, auf alle Autoren, die im Bereich des Jugendbuchs etwas gerisssen hatten. Neid findet in Form einer Kurve statt, die steigt und steigt, bis zum Moment des Platzens. Ein hochinteressanter Moment, wenn auch schmerzhaft. Es ist der Augenblick, in dem man sich über seine eigene Faulheit, Schlampigkeit, Erbärmlichkeit und  - vor allem - Feigheit bewusst wird. Es ist der Beginn einer Reise. Wenn man ganz brutal geplatzt ist, sitzt man auf dem Boden und guckt zur Decke. Und dann muss man sich die einzig wichtige Frage stellen: "Wenn du das alles so albern und schlecht findest, was sitzt du dann hier so dämlich rum ? Kannst du das besser ? Wohl kaum. Kannst du überhaupt irgendwas ? Du meinst also, du hast etwas zu erzählen ? "
Das ist die Frage, die bleibt. 

Der Neid öffnet alle Tore, gegen die man so verbissen ankämpft. Denn oft ist der Neid nur eine Barriere, die dazu dient, den eigenen Schmerz fernzuhalten. Die schlimmste Furcht, die man hat. Man begreift, dass man sich in die dunkelste Schlucht stürzen muss, die man sich vorstellen kann, wenn man etwas bewegen will. Egal, was dann passiert - man wird wohl kaum daran sterben. 

Es fühlt sich seltsam an. Etwas so Billiges wie Neid als Weg zur persönlichen Heilung. Aber so ist es nunmal passiert. In diesem Moment beschloss ich, meine Idee ernst zu nehmen. Ich würde versuchen, dieses verdammte Buch zu schreiben. Hauptsächlich, weil ich wissen wollte, ob ich es konnte. Ich hatte keine Ahnung, was vor mir lag. War wohl auch besser so. 


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